Studie zum historisch-genetischen Hintergrund der Besiedlung des Tiroler Alpenraums

Im Rahmen des Projekts untersuchen wir die Besiedlungsgeschichte des Tiroler Alpenraums durch den modernen Menschen. Sorgfältig gewählte Abschnitte des Erbguts (DNA) von 3.713 freiwilligen Spendern erlauben einen Blick in die Vergangenheit und ermöglichen im Rahmen einer interdisziplinären Forschung die Spurensuche nach unseren Vorfahren. Die persönlichen Daten der Teilnehmer sind strikt getrennt von den Untersuchungsergebnissen, das heißt, dass eine Rückführung der DNA-Daten auf ein Individuum für Außenstehende nicht möglich ist. Diese Studie wurde der Ethikkommission der Medizinischen Universität Innsbruck vorgelegt und für unbedenklich erklärt.

Ausgangslage

Der europäische Kontinent wurde in mindestens zwei großen Einwanderungswellen aus dem Vorderen Orient vom modernen Menschen besiedelt, zunächst im Jungpaläolithikum (vor ca. 40.000 Jahren) durch Jäger und Sammler und später im Neolithikum (vor ca. 10.000 Jahren) von Menschen, die die Landwirtschaft nach Europa brachten.

Ergebnisse der Y-chromosomalen DNA-Untersuchungen

Jener Teil des Y-Chromosoms, der nur über die männliche Linie vererbt wird, ist für die Klärung der Besiedlungsgeschichte besonders aussagekräftig. Väter geben diesen Abschnitt an ihre Söhne ohne Vermischung mit der mütterlichen DNA weiter. Die beobachteten Unterschiede zwischen Y-Chromosomen (verschiedener Männer) gehen auf spontane Erbgutveränderungen zurück, sogenannten Mutationen, anhand derer unterschiedliche Erblinien (=Haplogruppen) differenziert werden können.

Der erste interessante Befund der Y-chromosomalen StudieDie Y-chromosolmale Haplogruppe G zeichnet sich durch eine unerwartet hohe Frequenz (30%) in Tälern Westtirols aus,  ganz im Gegensatz zu Resteuropa (1-5% im Durchschnitt). Das nächste Dichtezentrum von Vertretern der Haplogruppe G liegt im vorderasiatischen Raum, also dem Ausgangspunkt der Wanderung des modernen Menschen nach Europa. Vertreter der Haplogruppe G sind dem Neolithikum zuzurechnen.

Historiker können diese Verteilung in Westtirol mit Wanderrouten aus dem frühen Mittelalter erklären. Dies nährt die Vermutung, dass auch frühere Siedler diese Routen gewählt haben. Interessant ist, dass sich dieses alte genetische Signal bis heute erhalten hat. Dafür ist vor allem die patrilokale Lebensform verantwortlich, die in unseren Breiten üblich war und teilweise heute noch ist: Männer bleiben an ihrem Geburtsort, während die Frauen aus dem näheren aber auch entfernteren Umfeld stammen.

Der Mann aus dem Eis

Der Mann aus dem Eis (vulgo „Ötzi“) gehört auch zu Haplogruppe G und zwar zur Untergruppe G-L91, die heute nur sehr selten beobachtet wird. Unter den 3.713 Teilnehmern der Studie fanden sich 19 Personen, die ebenfalls L91 zuzuordnen sind. Damit sind sie mit Ötzi weitläufig verwandt, sie teilen mit ihm einen gemeinsamen Vorfahren, der wahrscheinlich vor 10.000 Jahren gelebt hat.

In unserem Sprachgebrauch schränkt der Begriff „Verwandtschaft“ grundsätzlich nur unsere nächsten Familienmitglieder mit ein. Genealogisch Interessierte mögen ihren Stammbaum bis auf 10 vielleicht sogar 15 Generationen zurückverfolgen. Von Ötzi trennen uns mindestens 200 Generationen, die ersten Vertreter der L91 Haplogruppe sind mindestens 400 Generationen alt. Dieses Beispiel zeigt eindrucksvoll, welche Dimension der Verwandtschaftsbegriff annehmen kann und gibt uns eine vage Vorstellung über die Komplexität unserer Vergangenheit.

Fördergeber


Weitere Information finden Sie auch unter tirol-studie.at - unter anderem auch die Primärliteratur, die unsere Arbeiten beschreibt. 

Kontakt

ao. Univ.-Prof. Dr. Walther Parson
Institut für Gerichtliche Medizin Medizinische Universität Innsbruck
Müllerstrasse 44
A-6020 Innsbruck
T: +43 512 9003 70640
F: +43 512 9003 73640
E: walther.parson@i-med.ac.at
W: gerichtsmedizin.at/forensic_molecular_biology.html

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